Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag lässt ihr Quartiersprojekt WATERKANT Berlin als erste kommunale Gesellschaft deutschlandweit nach den DGNB-Nachhaltigkeitskriterien vorzertifizieren. Das Projekt umfasst rund 2.500 Wohnungen direkt an der Havel und entsteht in Kooperation mit der WBM. Die Vorzertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) gilt als strengster Nachhaltigkeitsstandard im deutschsprachigen Raum und bewertet ökologische, ökonomische und soziokulturelle Qualität.

Die DGNB-Zertifizierung geht deutlich über klassische Energiestandards hinaus. Sie bewertet neben der CO₂-Bilanz auch Faktoren wie Barrierefreiheit, Mobilitätskonzepte, soziale Infrastruktur und Lebenszykluskosten. Für die WATERKANT bedeutet das konkret: Neben energieeffizienten Gebäuden müssen auch Quartiersmobilität, Grünflächen und soziale Durchmischung geplant sein. Die Gewobag setzt damit ein Signal für die gesamte Branche – bislang ließen vor allem private Investoren einzelne Neubauprojekte nach DGNB zertifizieren, nicht aber landeseigene Wohnungskonzerne ganze Quartiere.

Auswirkungen auf Mietpreise bleiben unklar

Die entscheidende Frage für Vermieter und Mieter: Wie wirkt sich die Zertifizierung auf die Kaltmiete aus? Die Gewobag macht bislang keine Angaben zu den Mehrkosten der DGNB-Vorzertifizierung. Erfahrungswerte aus anderen Projekten zeigen: Nachhaltigkeitsstandards verursachen in der Planungs- und Bauphase Mehrkosten zwischen fünf und zwölf Prozent. Diese schlagen sich in der Regel auf die Miete durch – es sei denn, die öffentliche Hand subventioniert bewusst. Bei großen Wohnungsbaugesellschaften wie Vonovia oder Deutsche Wohnen führen vergleichbare Standards häufig zu Mieten am oberen Rand des Mietspiegels.

Gleichzeitig könnten sich DGNB-zertifizierte Quartiere langfristig für Mieter rechnen: Niedrigere Nebenkosten durch optimierte Energieversorgung, bessere Infrastruktur und höhere Wohnqualität können den Aufschlag kompensieren. Die EIB-Finanzierung der Gewobag mit vergünstigten Zinsen könnte zudem Spielraum für sozialverträgliche Mieten schaffen. Ohne konkrete Zahlen bleibt die Rechnung jedoch Spekulation.

Vorbild für kommunale Bauträger?

Sollte die WATERKANT Berlin ihre Nachhaltigkeitsziele zu wirtschaftlich tragbaren Konditionen erreichen, könnte das Projekt zum Blaupause für andere städtische Gesellschaften werden. Gerade in Zeiten steigender ESG-Anforderungen und verschärfter EU-Taxonomie stehen kommunale Vermieter unter Druck, ihre Neubauten zukunftssicher zu gestalten. Die Gewobag testet bereits externe Energiedaten-Lösungen, um ihre Bestandsportfolios zu optimieren – die DGNB-Zertifizierung im Neubau ist der nächste logische Schritt.

Für Facility-Manager bedeutet ein DGNB-Quartier höhere Anforderungen an Monitoring und Betriebsführung. Die Zertifizierung verpflichtet zu regelmäßigen Nachweisen über Energieverbrauch, Nutzerzufriedenheit und Instandhaltung. Das erfordert professionelle Datenerfassung und digitale Gebäudeverwaltung – ein Thema, das auch andere große Vermieter wie LEG Immobilien zunehmend beschäftigt.